Agri-PV in der Praxis: Was Betreiber bei Planung, Technik und Versicherung beachten sollten
Landwirtschaftliche Flächen für die Nahrungsmittelproduktion nutzen und gleichzeitig Solarstrom erzeugen: Agri-Photovoltaik verbindet zwei Nutzungen auf derselben Fläche. Wie das in der Praxis funktioniert, konnten die Teilnehmer bei der sehr gut besuchten Fachtagung „Agri-Photovoltaik vor Ort erleben – Einblicke in Planung, Genehmigung und Betrieb“ in Wadersloh erleben, die von der Landesgesellschaft für Energie und Klimaschutz NRW.Energy4Climate veranstaltet wurde. Auch wir vom EVK waren mit Oliver Föhring; Gruppenleiter Photovoltaik, Batterie, Ladetechnik und Nahwärme, sowie Carolin Henkelmann, Kundenbetreuerin Photovoltaik, vor Ort. Im Mittelpunkt stand ein besonderes Praxisbeispiel: eine Agri-PV-Anlage über bestehenden Heidelbeerkulturen. Das Projekt zeigt nicht nur, welches Potenzial in Agri-PV steckt. Es macht ebenso deutlich, wie komplex Planung, Genehmigung, technische Umsetzung und Absicherung sein können.
Vom Schutz der Heidelbeeren zum Agri-PV-Großprojekt
Am Anfang des Projekts stand keine energiewirtschaftliche Überlegung, sondern eine landwirtschaftliche Frage: Wie lassen sich die bestehenden Heidelbeerkulturen künftig besser vor Hitze, Hagel und anderen Wetterextremen schützen? Als Alternative zu herkömmlichen Schutzsystemen wie Folien fiel die Wahl auf Agri-PV. Der Vorteil: Die Konstruktion kann die Pflanzen schützen, gleichzeitig Strom produzieren und ist wesentlich nachhaltiger. Damit entsteht auf derselben Fläche weiterhin ein landwirtschaftlicher Ertrag und zusätzlich ein energiewirtschaftlicher Nutzen. Und die Akzeptanz ist durchweg hoch. Das Ergebnis ist ein Leuchtturmprojekt: das derzeit größte Agri-PV-Projekt in Nordrhein-Westfalen. Der finale Anlagenplan sieht eine Generatorleistung von 23,8 MWp, rund 40.000 Module und eine Fläche von 17 Hektar Heidelbeerkultur vor. Der erwartete Stromertrag liegt in einer Größenordnung von 22 bis 25 GWh pro Jahr.
Agri-PV entwickelt sich vom Pilotprojekt zum kommerziellen Markt
Projekte wie das in Wadersloh zeigen, wie schnell sich der Markt entwickelt. Agri-PV befindet sich zunehmend auf dem Weg vom Forschungs- und Demonstrationsprojekt hin zu größeren kommerziell betriebenen Anlagen. Gleichzeitig entstehen unterschiedliche technische Konzepte – von hoch aufgeständerten Systemen über vertikale Anlagen bis hin zu nachgeführten Modulen.
Auch in NRW wird diese Entwicklung sichtbar. Stand Juli 2026 waren laut NRW.Energy4Climate mindestens neun Agri-PV-Anlagen in Betrieb. Die installierte bzw. im Bau befindliche Leistung lag bereits bei mehr als 36 MWp. Für Landwirte und Projektentwickler bedeutet das: Agri-PV wird zunehmend zu einer realistischen Investitionsoption. Ein standardisiertes Projekt von der Stange ist sie deshalb jedoch noch lange nicht.
Planung von Agri-PV: Viele Fragen müssen gleichzeitig beantwortet werden
Das Wadersloher Projekt verdeutlicht, wie lang der Weg von der ersten Idee bis zur Inbetriebnahme sein kann. Erste Gespräche mit der Kommune gab es bereits 2019. Anschließend folgten unter anderem Anlagenkonzeption, Netzanschlussplanung, Bauleitplanung, Genehmigungen, Förderthemen und Stromvermarktung. Der Baubeginn erfolgte im Sommer 2025, die Inbetriebnahme 2026. Ein wichtiges Fazit der Fachtagung lautet deshalb: Die einzelnen Themen sollten möglichst früh parallel statt nacheinander betrachtet werden. Landwirtschaftlicher Nutzen, Standort, Anlagentechnik, Netzanschluss, Wirtschaftlichkeit, Förderung und mögliche Speicherlösungen hängen unmittelbar miteinander zusammen. Und auch der Versicherungsschutz gehört in diese frühe Planungsphase.
Warum Agri-PV versicherungstechnisch anders betrachtet werden muss
Eine Agri-PV-Anlage ist nicht einfach eine höher montierte Freiflächen-PV-Anlage. Die landwirtschaftliche Nutzung bleibt bestehen und beeinflusst Konstruktion, Zugänglichkeit und Betrieb. Beim Projekt in Wadersloh befindet sich die Unterkante der Konstruktion beispielsweise rund drei Meter über dem Boden. Die Ausrichtung und Bauweise wurden unter anderem an Flächenzuschnitt und landwirtschaftliche Bearbeitung angepasst. Gleichzeitig muss eine solche Konstruktion statische Anforderungen erfüllen. Aufgrund der größeren Höhe spielen beispielsweise Windlasten eine besondere Rolle. Auch während der Bauphase entstehen besondere Herausforderungen. Die Anlage in Wadersloh wurde in eine bereits bestehende, über Jahre gewachsene Heidelbeerkultur integriert. Wege, Materialtransport, Bodenverhältnisse und der Einsatz von Maschinen mussten entsprechend berücksichtigt werden. Die technische Lösung allein reicht bei solchen Projekten also nicht – sie muss auch im realen landwirtschaftlichen Betrieb funktionieren. Genau diese Besonderheiten sollten sich auch im Versicherungskonzept wiederfinden.
Diebstahlschutz: Nicht nur auf die Module schauen
Ein Thema der Veranstaltung war der Diebstahlschutz. Auch hier unterscheidet sich Agri-PV teilweise deutlich von klassischen Freiflächenanlagen. Ein hoher Stabmattenzaun mit zusätzlichem Übersteigschutz kann bei einer konventionellen Freiflächenanlage eine sinnvolle Sicherungsmaßnahme sein. Bei einer Agri-PV-Anlage muss die Fläche jedoch weiterhin mit landwirtschaftlichen Maschinen erreichbar und befahrbar bleiben. Bewährte Schutzkonzepte lassen sich deshalb nicht automatisch übertragen. Generell haben es Diebe zunehmend weniger auf die Module als auf Kabel und Wechselrichter abgesehen. Denn Solarmodule sind aufgrund ihrer Entwicklung im Preis und – gerade bei hoch aufgeständerten Anlagen – wegen der aufwändigen Demontage weniger attraktiv. Wie hoch das tatsächliche Diebstahlrisiko ist, hängt stark vom einzelnen Standort ab. Eine gut erreichbare Fläche direkt an einer überregionalen Straße ist anders zu bewerten als ein Standort in unmittelbarer Nähe einer dauerhaft genutzten Hofstelle. Für Betreiber bedeutet dies, dass es kein pauschales Sicherungskonzept für jede Agri-PV-Anlage gibt. Entscheidend ist aber das Zusammenspiel aus Standort, Anlagenkonzept, Zugänglichkeit und den Anforderungen des jeweiligen Versicherers.
„Flaschenhalsrisiken“ früh erkennen
Besondere Aufmerksamkeit verdienen sogenannte Flaschenhalsrisiken. Gemeint sind Komponenten oder Bereiche, deren Beschädigung oder Verlust dazu führen kann, dass große Teile der Anlage ausfallen oder über längere Zeit keinen Strom produzieren können. Gerade bei großen Anlagen sollte deshalb nicht ausschließlich danach gefragt werden, wie teuer ein einzelnes Bauteil ist. Ebenso relevant ist: Welche Folgen hat sein Ausfall? Wie schnell kann Ersatz beschafft werden? Welche Teile der Anlage stehen währenddessen still? Und welche wirtschaftlichen Auswirkungen entstehen daraus? Das Wadersloher Projekt zeigt, wie stark die einzelnen Systeme miteinander verbunden sind. Die Anlage umfasst unter anderem 57 große Stringwechselrichter und vier Trafostationen; Netzanschluss, Schutztechnik, Messung und Monitoring bilden weitere wichtige Schnittstellen. Ein gutes Versicherungskonzept sollte solche Abhängigkeiten berücksichtigen. Deshalb ist es sinnvoll, den Versicherungspartner bereits während der Planung einzubeziehen und gemeinsam zu prüfen, wo größere Sach- und Ertragsausfallrisiken entstehen können.
Batteriespeicher werden wichtiger – und erhöhen die Anforderungen an die Absicherung
Ein weiteres zentrales Thema der Fachtagung waren Batteriespeicher. Mit zunehmenden Schwankungen am Strommarkt werden Möglichkeiten wichtiger, den erzeugten Solarstrom flexibler einzusetzen und zu vermarkten. B&W Energy, Projektpartner und gleichzeitig mit einem Fachvortrag vertreten, betrachtet die Batterie deshalb nicht nur als zusätzliches technisches Bauteil, sondern als Instrument zur flexibleren und wertoptimierten Vermarktung des erzeugten Stroms. Eine auf der Veranstaltung vorgestellte Simulation verdeutlichte das wirtschaftliche Potenzial. Auch bei der Wadersloher Anlage soll ein Batteriespeicher perspektivisch eine Rolle spielen. Aus Versicherungssicht entsteht damit ein weiterer anspruchsvoller Projektbaustein. Große Batteriespeichersysteme sind für den Versicherungsmarkt noch neu. Technik, Sicherheitskonzept, Standort und Zusammenspiel mit der PV-Anlage müssen daher individuell betrachtet werden. Für Betreiber ist das besonders wichtig: Eine leistungsfähige Agri-PV-Anlage und ein Batteriespeicher sollten versicherungstechnisch nicht unabhängig voneinander geplant werden.
Was sollten Betreiber beim Versicherungsschutz beachten?
Für eine Agri-PV-Anlage gibt es deshalb nicht die eine Versicherungslösung, die unabhängig vom Projekt funktioniert. Vor Abschluss des Versicherungsschutzes sollten insbesondere folgende Punkte betrachtet werden:
- Standort und Zugänglichkeit: Wie einfach kann die Anlage von außen erreicht werden und welche Sicherungsmaßnahmen sind mit der landwirtschaftlichen Nutzung vereinbar?
- Diebstahlgefährdete Komponenten: Neben Modulen sollten insbesondere Kabel, Wechselrichter und weitere betriebsrelevante Komponenten berücksichtigt werden.
- Konstruktion und Naturgefahren: Höhe, Statik und die besonderen Belastungen hoch aufgeständerter Systeme müssen in die Risikobewertung einfließen.
- Landwirtschaftlicher Betrieb: Maschinen, Verkehrswege und laufende Bewirtschaftung unter und zwischen den Modulen verändern das Risikoprofil gegenüber einer klassischen Freiflächenanlage.
- Flaschenhalsrisiken und Betriebsunterbrechung: Entscheidend ist nicht nur der Sachschaden, sondern auch die Frage, wie lange nach einem Schaden Erträge aus der Stromproduktion fehlen können.
- Batteriespeicher: Ist ein Speicher geplant oder später vorgesehen, sollte er bereits frühzeitig in das Versicherungs- und Sicherheitskonzept einbezogen werden.
EVK: Individuelle Lösungen für Agri-PV und Batteriespeicher
Mit der zunehmenden Zahl kommerzieller Anlagen entwickelt sich Agri-PV von einzelnen Pilotprojekten zunehmend in Richtung Standardprojekt. Die Versicherbarkeit bleibt dennoch stark vom jeweiligen Anlagenkonzept abhängig. Das EVK beschäftigt sich bereits intensiv mit diesen Projekten und hat mit mehreren Versicherern individuelle Vereinbarungen für die Absicherung von Agri-PV-Anlagen getroffen. Dadurch können die Besonderheiten der landwirtschaftlichen Nutzung ebenso berücksichtigt werden wie technische Anforderungen und individuelle Sicherheitskonzepte.
Auch im Bereich großer Batteriespeicher verfügt der EVK bereits über umfangreiche Erfahrung und Lösungsansätze. Das ist besonders relevant, weil Speicher bei neuen PV-, aber auch Windenergie- und Hybrid-Projekten immer häufiger von Beginn an mitgedacht oder für eine spätere Erweiterung vorgesehen werden.
Unser Tipp: Wer eine Agri-PV-Anlage plant, sollte das Thema Versicherung nicht erst kurz vor der Inbetriebnahme angehen. Eine frühzeitige Abstimmung kann helfen, Anforderungen an Diebstahlschutz, Konstruktion und weitere Sicherheitsmaßnahmen rechtzeitig in die Projektplanung einzubeziehen – und spätere, oftmals kostspielige Anpassungen zu vermeiden.
Sie planen eine Agri-PV-Anlage oder möchten Ihre bestehende Planung versicherungstechnisch prüfen lassen? Sprechen Sie uns frühzeitig an. Gemeinsam betrachten wir Ihr Projekt, identifizieren die entscheidenden Risiken und entwickeln eine passende Absicherung.
Die Autorin:
Jutta Krämer ist beim Enser Versicherungskontor zuständig für das Marketing und die Pressearbeit. Die gelernte PR- und Online-Redakteurin arbeitet seit 2015 für das Enser Versicherungskontor.
02938/9780-70, kraemer@evk-oberense.de

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